PatientInnenerwartungen und die Interpretation klinischer Tests!

Dazu wurde 15 gesunden Proband*innen hypertone Kochsalzlösung intramuskulär in die Thenarmuskulatur injiziert, um so experimentell ein Schmerz auszulösen.

Nachfolgend erhielten die Proband*innen Hintergrundinformationen über die Biomechanik des N. medianus und über das Basiskonzept einer Differenzierung neural bedingter vs. nicht-neural bedingter Schmerzen durch eine klinische neurodynamische Testung.

Die Teilnehmer*innen wurden darauf hingewiesen, dass…

  1. die Handmuskeln kurze Muskeln sind, während der Nervus medianus eine durchgehende Struktur ist, die sich vom Nacken bis zu den Fingern erstreckt;
  2. Bewegungen des Ellbogens, der Schulter und des Nackens die mechanische Belastung im Nervus medianus erhöhen, aber nicht in den kleinen Handmuskeln;
  3. eine Dehnung oder Erhöhung der mechanischen Belastung der betroffenen Strukturen typischerweise den Schmerz verstärkt.

Wenn also ein klinischer Test, wie der ULNT1 MEDIANUS, den Schmerz in der Hand verändert, dann spricht das für den Nerv als Quelle des Schmerzes; wenn keine Veränderung des Schmerzes in der Hand mit dem Test einhergeht, würde man schlussfolgern, dass die Handmuskeln der Ursprung des Schmerzes sind.

Der Hälfte der Teilnehmer wurde ihr Schmerz als Muskelschmerz (korrekt) erklärt, der durch die Injektion der Kochsalzlösung in die Muskulatur zustande gekommen ist.

Der anderen Hälfte wurde mitgeteilt, dass der Schmerz auf den Nerv zurückzuführen ist (falsch), allerdings mit einer primär korrekten Erklärung („Irritation von Rezeptoren im Nerv“).

Die Erwartungen der Teilnehmer für eine Veränderung ihrer Schmerzen durch den Test wurde jeweils mit einem Fragebogen bestimmt.

Danach führte die Therapeut*in die neurodynamische Testsequenz durch und die Proband*innen wurden aufgefordert, in den jeweiligen Positionen (s. li.) die Schmerzintensität und das Schmerzareal zu benennen.

Wie die Graphik unten zeigt, kam es in der Gruppe mit der Information „Nervenschmerz“ zu einer progressiven Zunahme der Schmerzintensität und der Größe des schmerzhaften Areals analog zur mechanischen Spannungsentwicklung des Nerven durch die Testabfolge.

In der Gruppe mit der Vorabinformation „Muskelschmerz“ blieben dagegen Schmerzintensität und das Schmerzareal weitgehend konstant und unabhängig von der Testposition.

Fazit

Zusammenfassend zeigt diese Studie den erheblichen Einfluss der Patient*innen-erwartung auf die Schmerzwahrnehmung während einer klinischen Testung. Der Schmerz entsprach eher den Erwartungen als dem tatsächlichen pathobiologischen Prozess.

Die Berücksichtigung von Patient*innenerwartungen scheint nicht nur entscheidend für ein erfolgreiches Management (Cole et al. 2017, Geurts et al. 2017), sondern spielt auch im klinischen Befundungsprozess eine wichtige Rolle.

Literaturangaben

Primärquelle: Coppieters, Michel W., Börje Rehn, and Melanie L. Plinsinga. “Patient expectations about a clinical diagnostic test may influence the clinician’s test interpretation.” Musculoskeletal Science and Practice (2021): 102387.

  1. Cole, B.J., Cotter, E.J., Wang, K.C., Davey, A., 2017. Patient understanding, expectations,outcomes, and satisfaction regarding anterior cruciate ligament injuries and surgical management. Arthroscopy 33, 1092–1096. https://doi.org/10.1016/j.
  2. Geurts, J.W., Willems, P.C., Lockwood, C., van Kleef, M., Kleijnen, J., Dirksen, C., 2017. Patient expectations for management of chronic non-cancer pain: a systematic review. Health Expect. 20, 1201–1217. https://doi.org/10.1111/hex.12527.