Fazilitation des Peroneus longus (PL) durch ein Training

Inhalt:

Die biomechanische Funktion des PL ist komplex und wird oft falsch interpretiert. Das spiegelt sich häufig auch in der Trainingspraxis wider, z.B. nach einer lateralen Kapselbandverletzung am Sprunggelenk. (1)

Die Komplexität der Funktion des PL zeigt sich in seiner Anatomie. Der PL nimmt seinen Ursprung an der proximalen und lateralen Fibula und macht 3 Windungen, bevor er seinen Ansatz an der plantaren Basis des ersten Mittelfußknochens und des medialen Cuneiforme erreicht:

(a) die Sehne verläuft posterior und inferior des lateralen Malleolus,
(b) sie verläuft posterior des Trochlearfortsatzes auf der lateralen Seite des Calcaneus, und
(c) sie macht eine spitze Windung um die laterale Seite des Cuboids, wo sie in einer Rille auf der plantaren Seite des Cuboids durch das Lig. plantare longum gehalten wird (3,4).

Die Beziehung zwischen dem PL und dem lateralen und plantaren Aspekt des Cuboids wird als “Cuboid Pulley” bezeichnet (2). Unter Belastung stabilisiert der PL über den „Cuboid Pulley“ den ersten Strahl (mediales Cuneiforme, erster Mittelfußknochen und Großzehe) beim Abstoßen, indem er eine Plantarflexionskraft auf das Sprunggelenk ausübt (5).

Dadurch wird ein starrer Hebel für den Abstoß des Fußes geschaffen, der den Vortrieb unterstützt. Die Größe der Plantarflexionskraft hängt von der Längen-Spannungs-Relation des PL ab, wobei der „Cuboid Pulley“ die Ausrichtung der PL-Sehne hinsichtlich einer optimalen Länge und Funktion unterstützt (5).

Rehabilitative Übungen für den PL umfassen häufig solche, die ohne Gewichtsbelastung in Richtung Eversion mit elastischen Widerstandsbändern oder Gewichtsmanschetten durchgeführt werden.

Frühere Daten zeigen jedoch, dass die primäre biomechanische Funktion des PL nicht die unidirektionale Eversion ist und zudem seine Schlüsselfunktion auch nicht unter Gewichtsentlastung stattfindet (7).

Mittels elektromyografischer (EMG-)Daten lässt sich darstellen, dass die primäre Rolle des PL in der Stabilisierung und im Vortrieb während des Gehens zu sehen ist, da die maximale PL-Aktivität in der späteren Hälfte der Standbeinphase auftritt, wenn das Körpergewicht plantarflexorisch auf und über den Vorfuß verlagert wird (6, 7,8).

Diese mangelnde Übereinstimmung von konventionellen Trainingsübungen und der biomechanischen Funktion des PL kann dazu führen, dass die Wirksamkeit von übungsspezifischen Interventionsprogrammen suboptimal ist, wenn isoliert eindimensionale Übungen ohne Gewichtsbelastung zum Einsatz kommen.

Bewell und Kollegen (9) untersuchten daher alternative Trainingsübungen für den PL, die sich stärker an seiner biomechanischen Hauptfunktion orientieren.

Im Vergleich zu einer Eversionsbewegung in Seitlage gegen eine Gewichtsmanschette mit ca. 2,4 kg, konnten insbesondere 2 Übungsformen, „einbeiniger Fersenheber mit Münze“ bzw. „einbeiniger Fersenheber gegen Theraband-Zug“ den PL deutlich höher aktivieren. Dabei lag die EMG-Aktivität bei diesen beiden Übungen (s. Abb. und die Beschreibung unten) um min. 28% höher als bei der traditionellen Übungsform wie oben beschrieben.

Die Autoren empfehlen daher, solche funktionsorientierten Trainingsübungen in die Rehabilitation, z. B. bei Patienten nach lateralen Kapselbandverletzungen, zu integrieren. 

Beschreibung der Übungsform „einbeiniger Fersenheber mit Münze“:

Um die Stabilisierung des ersten Mittelfußköpfchens durch den PL zu betonen, wurde ein Geldstück unter das erste Mittelfußköpfchen gelegt, das als taktiler Anhaltspunkt diente.

Die Probanden wurden angewiesen, die Ferse im Einbeinstand abzuheben, wobei sie sich bemühen sollten, den Druck des ersten Mittelfußköpfchens auf das Geldstück aufrechtzuerhalten und es so weit wie möglich nach unten zu drücken. Um die Stabilität während des Einbeinstandes zu gewährleisten, durften die Probanden mit den Fingerspitzen Kontakt mit der Rückenlehne eines vor ihnen stehenden Stuhls aufnehmen.

Beschreibung der Übungsform „einbeiniger Fersenheber gegen Theraband-Zug“:

Bei dieser Übung musste die Testperson ebenfalls die Ferse im Einbeinstand abheben. Allerdings wurde hier ein Theraband um den Mittelfuß gelegt und seitlich (weg vom Körper) senkrecht zur Längsachse des Fußes verankert. Die Spannung des Therabands entsprach dabei einer „Zugkraft“ von etwa 2,5 kg. Durch den Widerstand des Bandes in seitlicher Richtung und weg von der Mittellinie wird eine Kraft auf den Fuß ausgeübt, die eine Supination/Inversion des Fußes provoziert, wenn die Testperson versucht, auf die Zehen zu gehen.

Diese Supination/Inversion führt zu einer Entlastung des ersten Mittelfußknochens, d. h. zu einer Kraft, die der Funktion des PL entgegengesetzt ist. Unter der Vorgabe, dass der erste Mittelfußknochen trotz der Bandspannung auf dem Boden gehalten wird, entsteht somit eine stärkere Rekrutierung und Aktivierung des PL. Den Probanden wurde zudem erlaubt, mit den  Fingerspitzen Kontakt mit einer Stuhllehne aufzunehmen.

Literaturangaben

Primärquelle: Bellew et al. (2010) Facilitating activation of the peroneus longus: electromyographic analysis of exercises consistent with biomechanical function.

  1. Bellew, JW & Dunn, S. Ankle rehabilitation: A re-introduction to the peroneus longus. Strength Cond J 24: 61–63, 2002.
  2. Donatelli, R. The Biomechanics of the Foot and Ankle. Philadelphia, PA:F.A. Davis Co., 1990.
  3. Gosling, JA, Harris, PF, Humpherson, JR, Whitmore, I, Willan, PLT. Atlas of Human Anatomy. London, United Kingdom: Gower Publishing, 1985. pp. 625–626.
  4. Root, ML, Orien, WP, Weed, JN. Clinical Biomechanics, Vol. 2.Normal and Abnormal Function of the Foot.Los Angeles, CA: ClinicalBiomechanics, 1977.
  5. Subotnick, S. Biomechanics of the subtalar and midtarsal joints. J Am Podiatr Med Assoc 49: 756, 1975.
  6. Johnson, B & Rundgren, A. The peroneus longus and brevis muscles. A roentgenologic and electromyographic study. Electromyography 1971: 93–103, 1971.
  7. Louwerens, JWK, van Linge, B, de Klerk, LWL, Mulder, PGH, Snijders, CJ. Peroneus longus and tibialis anterior muscle activity in the stance phase. Acta Orthop Scand 66: 517–523, 1995.
  8. Santilli, V, Frascarelli, MA, Paoloni, M, Frascarelli, F, Camerota, F,Natale, L, De Santis, F. Peroneus longus muscle activationpattern during gait cycle in athletes affected by functional ankle instability; a surface electromyography study. Am J Sports Med33: 1183–1187, 2005.
  9. Bellew JW, Frilot CF, Busch SC, Lamothe TV, Ozane CJ. Facilitating activation of the peroneus longus: electromyographic analysis of exercises consistent with biomechanical function. J Strength Cond Res. 2010 Feb;24(2):442-6. doi: 10.1519/JSC.0b013e3181c088bc. PMID: 20072056.
error: Dieser Inhalt ist geschützt.