Die neue Parkinson-Schmerzklassifikation

Chronische Schmerzen sind ein weit verbreitetes Symptom bei M. Parkinson: Die Häufigkeit Parkinson-assoziierter chronischer Schmerzen steigt mit der Erkrankungsdauer, wird in anfänglichen Phasen auf ca. 20% geschätzt (am häufigsten Schulter-Arm-Beschwerden) und nimmt in späteren Phasen auf bis zu 80% zu (3). Dabei ist die Unterscheidung von Parkinson-assoziierten Schmerzen und solchen, die nicht direkt mit der Grunderkrankung in Zusammenhang stehen (bspw. Rückenschmerzen, Gelenkschmerzen durch Arthrose, Polyneuropathien, etc.), in der Praxis oft alles andere als einfach.

In dieser Hinsicht ist eine neuentwickelte Schmerzklassifikation für M. Parkinson (PSK) ein große Hilfe.(1,2,3)

In einem 1. Schritt wird durch 4 Fragen unterschieden, ob ein Parkinson-assoziierte oder ein nicht-Parkinson-assoziierten Schmerz vorliegt. (Abb. li. Seite)

Als Parkinson-assoziiert gelten Schmerzen, die früh mit den motorischen Symptomen auftreten, auf dopaminerge Medikation ansprechen oder durch die Parkinson-Erkrankung verstärkt werden.  Auch das Auftreten der Schmerzen in Off- Phasen (d.h. bei nachlassender Wirkung von L-Dopa) ist in dieser Hinsicht ein wichtiger Hinweis.

Als 2. Schritt wird der Schmerzmechanismus entsprechend der IASP-Klassifikation als nozizeptiv, neuropathisch bzw. noziplastisch bestimmt (4). S. Abb. mittig.

Nachfolgend einige Erklärungen bzw. Zusatzinfos

Nozizeptiver Schmerz:

Wearing-off: Bei Parkinson-Patienten kommt es im Laufe der Erkrankung trotz Einnahme von Levodopa und einem Dopa-Decarboxylasehemmer zeitweise zu einem Dopaminmangel im Gehirn, der sich durch ein Wiederauftreten motorischer oder nichtmotorischer Parkinson-Symptome bemerkbar macht.

Coat hanger pain: Orthostatische Hypotension führt zur Minderperfusion der Nackenmuskulatur mit der Folge des „coat hanger pains“.

Auf der 3. Stufe kann dann eine Einschätzung der Schmerzintensität (0-10), Frequenz (1: selten, 2: manchmal, 3: häu?g) und des Schmerzeinflusses auf den Alltag (1: leicht, 2: mäßig, 3: stark) erfolgen bzw. ein abschließender Summenscore (0-90) gebildet werden.

In einer ersten Validierungsstudie (2,3) lagen bei 77% der Patienten (122/159) Parkinson-assoziierte Schmerzen vor; bei 87 (55%) Patienten nozizeptive, bei 36 (22%) noziplastische und bei 24 Patienten (16%) neuropathische Schmerzen. Die Studie zeigte zudem eine hohe Validität des Schmerzfragebogens bei einer moderaten Intra- und Interraterreliabilität.

Wenn eine Assoziation der Schmerzen insbesondere mit einer O?-Phase oder ein Ansprechen der Schmerzen auf die dopaminerge Medikation gezeigt werden kann (meist nozizeptive oder noziplas-tische Schmerzen), dann ist die bessere Einstellung der motorischen und nicht-motorischen Symptome zielführend.

Bei Dystonien kann Botulinumtoxin eine Möglichkeit sein, bei neuropathischen Schmerzen können entsprechende Medikamente (bspw. Pregabalin, Gabapentin) zum Einsatz kommen.

Die Autoren betonen auch die (Zitat) „…erstaunlichen Effekte des Trainings auf Schmerz“, z. B. im Sinne der „bewegungsinduzierten Hypoalgesie“ bei Parkinsonpatienten. (5,6) Parallel zur besseren Einstellung der Parkinson-Medikation empfehlen die Autoren daher eine parkinsonspezifische Trainings- und Bewegungstherapie auch als aktive schmerztherapeutische Maßnahme.

Literaturangaben

  1. Mylius, V., Möller, J.C., Bohlhalter, S. et al. Diagnosis and Management of Pain in Parkinson’s Disease: A New Approach. Drugs Aging 38, 559–577 (2021). https://doi.org/10.1007
  2. Mylius V, Perez Lloret S, Cury RG, Teixeira MJ, Barbosa VR, Barbosa ER, Moreira LI, Listik C, Fernandes AM, de Lacerda Veiga D, Barbour J, Hollenstein N, Oechsner M, Walch J, Brugger F, Hägele-Link S, Beer S, Rizos A, Chaudhuri KR, Bouhassira D, Lefaucheur JP, Timmermann L, Gonzenbach R, Kägi G, Möller JC, Ciampi de Andrade D. The Parkinson disease pain classification system: results from an international mechanism-based classification approach. Pain. 2021 Apr 1;162(4):1201-1210. doi: 10.1097/j.pain.0000000000002107. PMID: 33044395; PMCID: PMC7977616.
  3. Mylius, V., Perez Lloret, S., Brook, C.S. et al. Die neue Parkinson-Schmerzklassifikation (PSK). Nervenarzt (2022). https://doi.org/10.1007/s00115-021-01258-y
  4. https://www.iasp-pain.org/resources/terminology/
  5. Nguy V, Barry BK, Moloney N et al (2019) Exercise-induced hypoalgesia is present in eople with Parkinson’s disease: two observational cross-sectionalstudies.EurJPain23:1329–1339
  6. Reuter I, Mehnert S, Leone P et al (2011) E?ects of a ?exibility and relaxation programme, walking, and nordic walking on Parkinson’s disease. J Aging Res2011:232473
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