Die Erweiterung des SLRs (ESLR), um klinisch besser zu differenzieren!

Hintergründe

Der SLR-Test (Straight Leg Raise oder Las) ist der am häufigsten durchgeführte physische Test in der Diagnostik einer lumbalen Ischialgie bzw. einer lumbaler Bandscheibenhernie,1 wobei er in dieser Hinsicht zwar eine  gute Sensitivität, allerdings nur eine geringe Spezifität ausweist.1,2

Eine Erklärung für seine geringe Spezifität in dieser Hinsicht könnte darin zu finden sein, dass der SLR eine veränderte mechanische Funktion (Exkursion des N. Ischiadicus) und eine erhöhte Nervensensitivität anzeigt, aber eben keine Pathologie per se. So können eine Neuritis, eine Inflammation ohne axonale Schädigung oder eine Radikulitis ohne Nervenkompression ebenfalls einen positiven SLR bedingen.4,5,6

Der SLR wird als positiv gewertet, wenn beim Anheben des im Kniegelenk gestreckten Beines mit freiem OSG ausstrahlende Schmerzen entlang des Verlaufs des Ischiasnervs unterhalb des Kniegelenks zwischen 30° und 70° Hüftbeugung hervorgerufen werden oder sich bestehende Symptome verschlechtern (z.B. um min. 30%).3

Schwierigkeiten in der Interpretation zeigen sich dann, wenn die Symptome proximal (Gesäß, Hamstrings) auftreten. Zudem stellt sich die Frage, wie der Test bei Symptomen jenseits von 70° zu werten ist. 

Pesonen et al.7 haben aus diesem Grund in einer aktuellen Studie die Reliabilität einer erweiterten Form des SLRs (ESLR) mit einer strukturellen Differenz (neural vs. nicht-neural) an je 20 Patienten mit einer Ischialgie und 20 Gesunden untersucht.

In der jeweiligen Hüftflexionsstellung (sofern unter 90°), in der die Probleme auftraten bzw. sich verstärkten, wurde eine strukturelle Differenzierung durchgeführt. Als positiv wurde der SLR dann gewertet, wenn 1. Symptome beim SLR auftraten und 2. durch die passende strukturelle Differenzierung (distal -> bei proximalen Symptomen, proximal -> bei Distalen) eine Symptomverstärkung auftrat.

Links: Proximale strukturelle Differenzierung bei distaler Symptomatik mitInnenrotation der Hüfte

Rechts: Distale strukturelle Differenzierung bei proximaler Symptomatik mit Dorsalflexion im OSG (auch als Bragard-Test bekannt)

Ergebnisse

Dabei zeigte sich eine fast perfekte Intertester-Übereinstimmung zwischen den 2 Therapeuten von 92,5% für den ESLR (mit Cohen’s Kappa = 0.85, p < 0.001, 95% KI: 0.71–0.99).

Wenn der traditionelle SLR mit dem ESLR verglichen wurde, gab es nur eine generelle Übereinstimmung von 75% (30/40) (mit Cohen’s Kappa 0.50, p < 0.0001; 95% KI 0.27–0.73 und 0.54, p < 0.0001; 95% KI 0.30–0.77).

Fazit

Die Autoren sehen im ESLR mit dem Zusatz einer bereichsspezifischen strukturellen Differenzierung ein reliables Werkzeug zur Unterscheidung von neuralen und muskuloskelettalen Symptomen bei Patient*innen mit ausstrahlenden Rückenschmerzen. Sie empfehlen, diese Bewegungskomponenten zum Standard-SLR hinzuzufügen, um die diagnostische Genauigkeit zu verbessern.

Literaturangaben

  1. van der Windt, D A, Simons E, Riphagen II, Ammendolia C, Verhagen AP, Laslett M, et al. Physical examination for lumbar radiculopathy due to disc herniation in patients with low-back pain. Cochrane Database Syst Rev. 2010;(2):CD007431. doi: CD007431.
  2. Ekedahl H, Jönsson B, Annertz M, Frobell RB. Accuracy of clinical tests in detecting disk herniation and nerve root compression in subjects with lumbar radicular symptoms. Arch Phys Med Rehabil. 2018;99(4):726–35. https://doi.org/10.1016/j.apmr.2017.11.006.
  3.  Ropper AH, Zafonte RD. Sciatica. N Engl J Med. 2015;372(13):1240–8. https:// doi.org/10.1056/NEJMra1410151.
  4. Eliav E, Benoliel R, Tal M. Inflammation with no axonal damage of the rat saphenous nerve trunk induces ectopic discharge and mechanosensitivity in myelinated axons. Neurosci Lett. 2001;311(1):49–52.https://doi.org/10.1016/s0304-3940(01)02143-7.
  5. Dilley A, Lynn B, Pang SJ. Pressure and stretch mechanosensitivity of peripheral nerve fibres following local inflammation of the nerve trunk. Pain. 2005;117(3):462–72. https://doi.org/10.1016/j.pain.2005.08.018.
  6. Olmarker K, Rydevik B, Nordborg C. Autologous nucleus pulposus induces neurophysiologic and histologic changes in porcine cauda equina nerve roots. Spine (Phila Pa 1976). 1993.
  7. Pesonen J, Shacklock M, Rantanen P, Mäki J, Karttunen L, Kankaanpää M, Airaksinen O, Rade M. Extending the straight leg raise test for improved clinical evaluation of sciatica: reliability of hip internal rotation or ankle dorsiflexion. BMC Musculoskelet Disord. 2021 Mar 24;22(1):303. doi: 10.1186/s12891-021-04159-y.