Arbeiten innerhalb unserer Grenzen mit Long-COVID!

Das Long-COVID-Syndrom lässt sich definieren durch Zeichen und Symptome, die sich während oder nach einer Infektion mit  COVID-19 einstellen und für 4 Wochen oder länger anhalten.

Nach konservativen Schätzungen geben etwas 10% aller Infizierten Symptome für 12 Wochen oder länger an, so dass man davon ausgehen kann, dass weltweit Millionen von Menschen unter längerfristigen Einschränkungen durch LONG- COVID leiden bzw.  weiterhin leider werden. (1-3)

Bei vielen Physio- und Sporttherapeut*innen kommt es fast schon reflektorisch zu dem Bemühen, durch progressiv gesteigerte Trainingsprogramme den charakteristischen Fatigue reduzieren und die Funktionskapazität dieser Patienten verbessern zu wollen.

Allerdings kann dieser Schuss nach hinten losgehen, wenn man sich solch ambitionierte Ansätze im Management ähnlicher neuroimmunologischer  Erkrankungen, wie „Myalgischer Enzephalomyelitis/ Chronischem Fatigue-Syndrom“ (ME/CFS) betrachtet: Die Geschichte von ME/CFS und Training ist eine Geschichte der falschen Hoffnung. Mehr als 3 Jahrzehnte mit dem Versuch, durch Trainingsmaßnahmen  in dieser Population die Belastbarkeitsschwelle zu verschieben, lassen sich in einem Satz zusammenfassen: Training in klassischen Sinne kann hier schädlich sein, manchmal lebensbedrohlich und sollte vermieden werden. (4)

Typisch für ME/CFS ist die sog. „Post-Exertional Malaise“, eine ausgeprägte und anhaltende Verstärkung aller Symptome nach geringer körperlicher und geistiger Anstrengung. Die Post-Exertional Malaise (PEM) führt zu ausgeprägter Schwäche, neurologischen bzw. grippeähnlichen Symptomen und einer Verschlechterung des Allgemeinzustandes. (5)

Erste Daten deuten darauf hin, dass auch Long-COVID-Patienten in ähnlicher Weise auf Belastung reagieren. Nahezu 75 % der Personen mit Long-COVID litten nach 6 Monaten immer noch unter einer PEM. (6)

Aus diesem Grund weisen Decary und Kollegen in einem aktuellen JOSPT-Editorial auf diese Problematik hin. Das Mantra “Exercise ist medicine” darf für Long-COVID-Patient nicht zu einer Gefahr werden. Primum non nocere…. “Zuerst einmal nicht schaden” lautet auch hier der erste Grundsatz der Medizin. (7)

Stattdessen sollte nach Decary et al.  das Management auf einem zweistufigen Prozess beruhen:

  1. Screening für das Auftreten einer PEM (Frequenz & Intensität), z.B. mit dem 10-item DePaul Symptoms Questionnaire. S. Anhang hier…. (5)
  2. Für alle Menschen, die mit Long-COVID und ME/CFS leben, sollte die Botschaft für das Management „STOP-RUHE-PACING“ lauten.

Dieser Ansatz, der von der ME/CFS-Community eingeführt wurde, betont den wichtigsten Ratschlag von Klinikern an Patienten: Kontinuierliche Überanstrengungszyklen mit PEM sind zu vermeiden, stattdessen sollte man sich auf Ruhe und Energie-Pacing konzentrieren. Pacing ist ein Ansatz im Aktivitätsmanagement, um das Auftreten einer PEM zu verhindern und kann für LONG-COVID-Patient*innen, die bei Bewegung Rückfälle erleben, hilfreich sein.

Wir als Kliniker müssen demütig die Grenzen unseres Tuns akzeptieren.  Wir können nicht immer erfolgreich sein, eine schlechte Prognose ist für postvirale Erkrankungen typisch.

Wir müssen unsere Fähigkeiten nutzen und uns für die wesentliche Belange der Patient*innen mit Long-COVID- und ME/CFS-Erkrankungen einzusetzen. Indem wir ihnen Zeit geben, sich sicher zu erholen, indem wir helfen, Strategien zu entwickeln, damit sie sich an eine andere Normalität anzupassen können, eine, die bei einigen Patient*innen trotz unserer besten Bemühungen chronische Krankheit und dauerhafte Beeinträchtigungen nicht ausschließen kann.

Der „STOP-RUHE-PACING”-Ansatz zur sicheren Bewältigung körperlicher und kognitiver Aktivitäten während der Genesung von Long-COVID!

Demut und Akzeptanz: Arbeiten innerhalb unserer Grenzen mit Long-COVID!

  • HÖR AUF damit, über deine Grenzen zu gehen. Eine Überforderung steht deiner Genesung im Weg.
  • RUHE ist deine wichtigste Behandlungsstrategie. Warte nicht, bis du dich danach fühlst, zu pausieren.
  • PACE deine täglichen physischen und kognitiven Aktivitäten. Dies ist ein sicherer Ansatz, um die Trigger der Symptome zu umgehen. 

Literaturangaben

  1. National Institute for Health and Care Excellence. COVID-19 Rapid Guideline: Managing the Long Term Effects of COVID-19. London, UK: National Institute for Health and Care Excellence; 2020.
  2. Greenhalgh T, Knight M, A’Court C, Buxton M, Husain L. Management of post-acute covid-19 in primary care. BMJ. 2020;370:m3026. https://doi.org/10.1136/bmj.m3026
  3. Office for National Statistics. The prevalence of long COVID symptoms and COVID-19 complications. Available at: https://www.ons.gov.uk/news/statementsandletters/theprevalenceoflongcovidsymptomsandcovid19complications. Accessed December 20, 2020.
  4. Wormgoor MEA, Rodenburg SC. The evidence base for physiotherapy in myalgic encephalomyelitis/chronic fatigue syndrome when considering post-exertional malaise: a systematic review and narrative synthesis. J Transl Med. 2021;19:1. https://doi.org/10.1186/s12967-020-02683-4
  5. Cotler J, Holtzman C, Dudun C, Jason LA. A brief questionnaire to assess post-exertional malaise. Diagnostics (Basel). 2018;8:66. https://doi.org/ 10.3390/diagnostics8030066
  6. Galeotti C, Bayry J. Autoimmune and inflammatory diseases following COVID-19. Nat Rev Rheumatol. 2020;16:413-414. https://doi.org/ 10.1038/s41584-020-0448-7.
  7. Décary S, Gaboury I, Poirier S, Garcia C, Simpson S, Bull M, Brown D, Daigle F. Humility and Acceptance: Working Within Our Limits With Long COVID and Myalgic Encephalomyelitis/Chronic Fatigue Syndrome. J Orthop Sports Phys Ther. 2021 May;51(5):197-200. doi: 10.2519/jospt.2021.0106.